Ich versuche nun die soziologische Rahmung von dem Motivationssystem, das wir Leidenschaft nennen, zu beschreiben. Soziale und kulturelle Bedingungen bestimmen, welche Tätigkeiten als leidenschaftlich gelten, wie Emotionen ausgedrückt werden dürfen und welche Belohnungen daraus folgen. Leidenschaft ist damit kein rein inneres Phänomen, sondern ein sozial codiertes Energiesystem. Sie wird durch drei Dimensionen, die sich gegenseitig beeinflussen, stabilisiert. Jede positive Veränderung beeinflusst die anderen positiv, jede negative Veränderung negativ.
Die kognitive Dimension: Kulturelle Werte prägen die kognitive Bewertung, was als sinnvoll oder prestigeträchtig gilt, sie strukturiert, worauf Leidenschaft gerichtet werden darf.
Die affektive Dimension: Das Ausführen eines Hobbys oder einer Tätigkeit, unserer Leidenschaft, führt zu emotionaler Erregung und Begeisterung. Wir fühlen uns gut und sind glücklich.
Die behaviorale Dimension. Wir zeigen ein dauerhaftes Engagement und investieren Zeit und Kraft. Regeln lenken das Verhalten, Organisationen, Märkte und Rollen definieren, wie Leidenschaft gezeigt, kanalisiert und ökonomisch genutzt werden kann.
Diese drei Einflüsse wirken auf die psychologischen Komponenten ein, halten das System stabil oder führen bei Dissonanzen zum Erlöschen der Leidenschaft. Somit ist sie ein instabiles System, das ständig aktualisiert werden muss, Leidenschaften können einfach „einschlafen“, wenn wir ihnen länger nicht nachgegangen sind.
Die theoretische Integration in die Soziologie fällt nicht schwer. Mit Bourdieu lässt sich Leidenschaft als feldspezifische Selbstbindung deuten. (Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Bourdieu, 1993) Der Habitus formt, was als lohnender Einsatz erscheint (illusio). Leidenschaft wird zur sozial erlernten Investitionsbereitschaft, die auf bestimmte Tätigkeitsfelder gelenkt ist, Sport, Wissenschaft, Kunst, Pflege. Kapitalien entscheiden darüber, wer Leidenschaft ausleben kann. Sie ist also immer auch ein Produkt sozialer Position. So wie das Ausüben bestimmter Leidenschaften, etwa das Klavierspiel oder der Surfsport, kulturelles und soziales Kapital aufbaut und ein Feld der Distinktion darstellt, so werden bestimmte Leidenschaften abgewertet. Wie „fein“ die Unterschiede sind, kann etwa im Bereich des Essens erforscht werden. Der Ort, die Art und der Preis des Essensgehens bestimmen den kulturellen Wert, der Besuch im angesagten Street-Food-Laden oder im Sterne-Restaurant ermöglicht Distinktion und Anerkennung, der ständige Besuch bei McDonalds nicht.
Leidenschaft ist also kein individuelles Gefühl, sondern eine sozial codierte Energieform.
Hartmut Rosa liefert das energetische Bindeglied. Resonanz beschreibt gelingende Weltbeziehung: ein Moment, in dem Subjekt und Welt sich wechselseitig berühren. Leidenschaft entsteht und erhält sich, wenn solche Resonanzepisoden wiederholt erfahren werden. Wo Resonanz abbricht, etwa durch Entfremdung oder Beschleunigung, erlischt auch das energetische Moment der Leidenschaft (Rosa, 2016).
Arlie Russell Hochschild schließlich zeigt, dass Gefühle selbst sozial reguliert sind. Ihre Konzepte der feeling rules und der emotional labour verdeutlichen, dass Emotionen in Organisationen und Märkten nicht nur privat, sondern funktionalisiert sind. (The Managed Heart. Commercialization of Human Feeling, Hochschild, 1983) Leidenschaft steht damit im Spannungsfeld zwischen authentischer Hingabe und normativer Gefühlsarbeit. Sie kann ökonomisch instrumentalisiert werden, etwa im Imperativ, Arbeit müsse „mit Leidenschaft“ getan werden.
Aus der Synthese ergibt sich ein integratives Konzept: Leidenschaft ist für mich ein sozioenergetisches Motivationssystem, ein zyklisches, sozial gerahmtes Geflecht aus Gefühl, Kognition und Verhalten. Sozio, weil es durch Werte, Resonanz und Institutionen geformt wird; energetisch weil es Emotionen in anhaltende Handlungsmotivation transformiert; und ein System, weil seine Elemente sich wechselseitig verstärken.
Damit wird Leidenschaft zur Schnittstelle zwischen Psychologie und Soziologie: Psychologisch ist sie ein selbstverstärkendes Motivationssystem im Sinne Vallerands und soziologisch ist sie eine feld- und habitusabhängige Disposition (Bourdieu), genährt durch Resonanz (Rosa) und reguliert durch Gefühlsnormen (Hochschild).
Leidenschaft ist also kein individuelles Gefühl, sondern eine sozial codierte Energieform, die persönliche Identität, gesellschaftliche Werte und institutionelle Erwartungen miteinander verschaltet. Wo Resonanzräume fehlen, Regeln Gefühlsausdruck beschneiden oder Felder den Einsatz nicht belohnen, verliert das System seine Energie, Leidenschaft erschöpft sich. Wo hingegen Sinn, Anerkennung und Handlungsfreiheit zusammentreffen, entsteht das, was als leidenschaftliche Arbeit oder Berufung erlebt wird: eine sozial geformte, emotional aufgeladene und kognitiv verankerte Bewegung des Selbst im Raum der Gesellschaft.