Institut für Arbeitskultur und berufliche Entwicklung

Publikationen · Kapitel VI.1

Das Rätsel der Motivation

Wir wissen seit Jahrzehnten, was Menschen motiviert. Warum ändert sich trotzdem so wenig?

Es gibt ver­mut­lich kein Thema, das in der mo­der­nen Ar­beits­welt häu­fi­ger dis­ku­tiert wird als Mo­ti­va­ti­on. Kaum ein Füh­rungs­kräf­te­kon­gress, kaum eine Ma­na­ge­m­ent­zeit­schrift und in­zwi­schen kaum noch ein Lin­ke­dIn-Feed kommt ohne Hin­wei­se darauf aus, wie Men­schen mo­ti­viert, be­geis­tert oder emo­ti­o­nal ge­bun­den werden können. Seit Jahr­zehn­ten pro­du­ziert die Ar­beits­welt eine kaum über­schau­ba­re Menge an Rat­schlä­gen, Mo­del­len und Kon­zep­ten. Die gute Füh­rungs­kraft soll wert­schät­zen, zuhören, fördern, coachen, in­spi­rie­ren, trans­for­mie­ren und mög­lichst ne­ben­bei noch die Un­ter­neh­mens­zie­le er­rei­chen. Wer all diese An­for­de­run­gen gleich­zei­tig er­fül­len möchte, müsste wahr­schein­lich über­na­tür­li­che Fä­hig­kei­ten be­sit­zen.

Die ei­gent­li­che Merk­wür­dig­keit besteht al­ler­dings nicht darin, dass so viel über Mo­ti­va­ti­on ge­spro­chen wird. Merk­wür­dig ist viel­mehr, dass wir seit Jahr­zehn­ten er­staun­lich genau wissen, wodurch Men­schen mo­ti­viert werden, sich aber an den Pro­ble­men der Ar­beits­welt dennoch so wenig ver­än­dert hat.

Die wis­sen­schaft­li­che Li­te­ra­tur ist in diesem Punkt be­mer­kens­wert ein­deu­tig. Bereits Ende der 1950er Jahre zeigte Fre­de­rick Herz­berg, dass Men­schen kei­nes­wegs allein durch Geld mo­ti­viert werden. An­er­ken­nung, Ver­ant­wor­tung, Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten und die Er­fah­rung, etwas Sinn­vol­les zu leisten, er­wie­sen sich als deut­lich wich­ti­ger für lang­fris­ti­ges En­ga­ge­ment. In den fol­gen­den Jahr­zehn­ten be­stä­tig­ten zahl­rei­che Studien diese Befunde. Edward Deci und Richard Ryan ent­wi­ckel­ten ihre Theorie der Selbst­be­stim­mung, Albert Bandura er­forsch­te die Be­deu­tung von Selbst­wirk­sam­keit, Or­ga­ni­sa­ti­ons­for­scher un­ter­such­ten Ver­trau­en, Führung und Zu­sam­me­n­a­r­beit. Die Namen än­der­ten sich, die Er­geb­nis­se kaum.

Man könnte zu­ge­spitzt for­mu­lie­ren: Die moderne Ar­beits­welt leidet nicht an einem Mangel an Wissen. Sie leidet an einem be­mer­kens­wer­ten Über­schuss davon. Viel­leicht liegt genau darin das ei­gent­li­che Rätsel. Denn wenn die Ur­sa­chen bekannt sind, warum wie­der­ho­len sich die Be­schwer­den seit Jahr­zehn­ten mit einer fast schon ri­tu­a­li­sier­ten Re­gel­mä­ßig­keit? Warum be­kla­gen Be­schäf­tig­te in Deut­sch­land, den USA, Schwe­den oder Aus­tra­li­en immer wieder die­sel­ben Dinge? Warum spre­chen sie über man­geln­de Wert­schät­zung, feh­len­de Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten, schlech­te Führung und das Gefühl, le­dig­lich eine Nummer in einem grö­ße­ren System zu sein? Und warum klingen die Ant­wor­ten der Füh­rungs­kräf­te oft er­staun­lich ähnlich? Auch sie be­rich­ten von Über­las­tung, wi­der­sprüch­li­chen An­for­de­run­gen, feh­len­den Res­sour­cen und Or­ga­ni­sa­ti­onss­truk­tu­ren, die sinn­vol­le Arbeit eher er­schwe­ren als er­leich­tern.

Die klas­si­sche Ma­na­ge­ment­li­te­ra­tur be­ant­wor­tet diese Frage meist mit einem Verweis auf in­di­vi­du­el­le De­fi­zi­te. Füh­rungs­kräf­te müssten besser führen, Mit­a­r­bei­ten­de en­ga­gier­ter sein, Teams ef­fek­ti­ver kom­mu­ni­zie­ren oder Or­ga­ni­sa­ti­o­nen ihre Un­ter­neh­mens­kul­tur ver­bes­sern. All dies ist nicht falsch. Es bleibt jedoch an der Ober­flä­che.

Die So­zio­lo­gie in­ter­es­siert sich tra­di­ti­o­nell für eine andere Frage. Sie fragt weniger nach den Ei­gen­schaf­ten ein­zel­ner Men­schen als nach den Be­din­gun­gen, unter denen Men­schen handeln. Sie geht davon aus, dass Ver­hal­ten selten allein aus Per­sön­lich­keit erklärt werden kann. Wer ver­ste­hen will, warum Men­schen so handeln, wie sie handeln, muss sich die Struk­tu­ren an­schau­en, in denen sie handeln.

Viel­leicht haben die meisten Or­ga­ni­sa­ti­o­nen gar kein Mo­ti­va­ti­ons­pro­blem. Viel­leicht haben sie ein Struk­tur­pro­blem.

Genau hier wird die Dis­kus­si­on span­nend. Denn be­trach­tet man die moderne Ar­beits­welt aus dieser Per­spek­ti­ve, dann er­scheint Mo­ti­va­ti­on plötz­lich in einem anderen Licht. Das Problem besteht mög­li­cher­wei­se gar nicht darin, dass Men­schen nicht mo­ti­viert genug wären. Viel­leicht besteht das Problem viel­mehr darin, dass Or­ga­ni­sa­ti­o­nen Be­din­gun­gen her­vor­brin­gen, unter denen Mo­ti­va­ti­on sys­te­ma­tisch ver­lo­ren geht. Diese Be­ob­ach­tung klingt zu­nächst pro­vo­kan­ter als sie ist. Niemand beginnt seine be­ruf­li­che Lauf­bahn mit dem Ziel, mög­lichst wenig bei­zu­tra­gen. Kaum jemand startet ins Be­rufs­le­ben mit der Absicht, zynisch oder gleich­gül­tig zu werden oder in­ner­lich zu kün­di­gen. Die meisten Men­schen möchten etwas lernen, etwas be­wir­ken, An­er­ken­nung er­fah­ren und das Gefühl haben, dass ihre Arbeit einen Un­ter­schied macht.

In­ter­es­san­ter­wei­se ähneln sich darin die Ge­ne­ra­ti­o­nen stärker als die öf­fent­li­chen De­bat­ten ver­mu­ten lassen. Die Ge­ne­ra­ti­on Z möchte nicht grund­sätz­lich etwas anderes als die Ba­by­boo­mer. Sie for­mu­liert manche Er­war­tun­gen le­dig­lich of­fen­si­ver und ist weniger bereit, dau­e­r­haft Be­din­gun­gen zu ak­zep­tie­ren, die frühere Ge­ne­ra­ti­o­nen oft schwei­gend hin­ge­nom­men haben.

Damit ver­schiebt sich die Per­spek­ti­ve des ge­sam­ten Buches. Die Frage lautet nicht mehr, wie Men­schen mo­ti­viert werden können. Die span­nen­de­re Frage lautet, warum Or­ga­ni­sa­ti­o­nen so häufig Be­din­gun­gen schaf­fen, unter denen Mo­ti­va­ti­on ver­schwin­det. Oder noch zu­ge­spitz­ter: Viel­leicht haben die meisten Or­ga­ni­sa­ti­o­nen gar kein Mo­ti­va­ti­ons­pro­blem.

Viel­leicht haben sie ein Struk­tur­pro­blem.

Genau an diesem Punkt beginnt die Ge­schich­te der selbst­wirk­sam­keit­s­o­ri­en­tier­ten Or­ga­ni­sa­ti­on.

Literatur

  • Bandura, A. (1997): Self-Efficacy: The Exercise of Control. New York: W.H. Freeman.
  • Deci, E.L. & Ryan, R.M. (2000): The ‚What’ and ‚Why’ of Goal Pursuits: Human Needs and the Self-Determination of Behavior. Psychological Inquiry, 11(4), S. 227–268.
  • Herzberg, F., Mausner, B. & Snyderman, B.B. (1959): The Motivation to Work. New York: Wiley.

Aus: Stuhr, Mathias (2026): Arbeit in der Beziehungskrise. Über Leidenschaft in digitalen Zeiten. Baden-Baden: Nomos, Kapitel VI.1, S. 127–129. Ungekürzter Auszug.

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