Institut für Arbeitskultur und berufliche Entwicklung

Publikationen · Kapitel V.4

Das Fünf-Welten-Modell der Arbeit

Nicht der Beruf entscheidet, sondern womit Menschen ihren Arbeitstag verbringen: mit Dingen, Daten, Menschen, Organisation oder Ideen.

Je länger ich mich mit Ar­beits­märk­ten be­schäf­ti­ge, desto weniger in­ter­es­sie­ren mich Be­rufs­be­zeich­nun­gen. Die ei­gent­li­che Frage lautet: Womit ver­bringt ein Mensch seinen Ar­beits­tag? Ar­bei­tet sie/er mit Dingen oder mit Men­schen? Or­ga­ni­siert sie/er Pro­zes­se oder erzeugt sie/er Ideen? Nutzt sie/er Daten oder er­schafft sie/er etwas mit seinen Händen? Aus dieser Per­spek­ti­ve lassen sich die zahl­rei­chen Berufe der mo­der­nen Ar­beits­welt auf einige grund­le­gen­de Ar­beits­wel­ten zu­rück­füh­ren. Und genau diese ent­wi­ckeln sich sehr un­ter­schied­lich.

Die Welt der Dinge

Während Eltern ihren Kindern seit Jahr­zehn­ten ein­re­den, sie müssten un­be­dingt stu­die­ren, um er­folg­reich zu sein, erleben viele hand­werk­li­che und tech­ni­sche Berufe aktuell eine Re­nais­sance. Fast jede po­li­ti­sche Debatte über die Zukunft Deut­sch­lands führt ir­gend­wann zu der­sel­ben Er­kennt­nis: Es fehlen Men­schen, die etwas bauen, re­pa­rie­ren, in­stal­lie­ren oder her­stel­len können. Diese Ar­beits­welt umfasst Land­wirt­schaft, Pro­duk­ti­on, Hand­werk, Bau­we­sen und Ge­bäu­de­tech­nik. Auf den ersten Blick wirken viele dieser Tä­tig­kei­ten alt­mo­disch. Tat­säch­lich gehören sie zu den mo­derns­ten Be­rei­chen der Wirt­schaft.

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Die Welt der Dinge wird kleiner werden als in der in­dus­tri­el­len Hoch­pha­se Deut­sch­lands. Ver­schwin­den wird sie nicht. Wahr­schein­li­cher wird sie sogar wert­vol­ler werden.

Die Welt der Daten

Wenn die in­dus­tri­el­le Ge­sell­schaft auf Kohle, Stahl und Ma­schi­nen beruhte, dann basiert die di­gi­ta­le Ge­sell­schaft auf Daten. Daten sind der Roh­stoff des 21. Jahr­hun­derts. Al­ler­dings be­sit­zen Daten allein keinen Wert. Wert ent­steht erst dort, wo sie in­ter­pre­tiert, ver­bun­den und in Ent­schei­dun­gen über­setzt werden, danach nennen wir sie In­for­ma­ti­o­nen. Genau deshalb wächst die Be­deu­tung jener Berufe, die In­for­ma­ti­o­nen sammeln, ana­ly­sie­ren und nutzbar machen.

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Die Welt der Daten wird weiter wachsen, aber auch hier gilt: Nicht die Tech­no­lo­gie allein ent­schei­det über den Erfolg, sondern die Fä­hig­keit, In­for­ma­ti­o­nen sinn­voll ein­zu­ord­nen.

Die Welt der Men­schen

Je weiter die Di­gi­ta­li­sie­rung vor­an­schrei­tet, desto deut­li­cher wird eine pa­ra­do­xe Ent­wick­lung. Mensch­lich­keit wird knapper. Und gerade deshalb wert­vol­ler. In dieser Ar­beits­welt stehen nicht Ma­schi­nen, Gebäude oder Daten im Mit­tel­punkt, sondern andere Men­schen. Ge­sund­heit, Pflege, Bildung, So­zi­al­we­sen, The­ra­pie, Be­ra­tung, Ho­tel­le­rie und große Teile des Dienst­leis­tungs­sek­tors gehören dazu.

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Ein Pflege-Roboter kann Me­di­ka­men­te bringen. Er kann jedoch keine Angst nehmen. Eine KI kann Lern­ma­te­ri­al er­stel­len. Sie kann aber keine ver­trau­ens­vol­le Be­zie­hung zu einem Kind auf­bau­en. Ein Chatbot kann In­for­ma­ti­o­nen liefern. Er kann keine echte Gast­freund­schaft er­zeu­gen. Deshalb gehören diese Berufe zu den ro­bus­tes­ten der kom­men­den Jahr­zehn­te.

Die Zukunft der Arbeit wird deshalb nicht nur tech­ni­scher. Sie wird gleich­zei­tig mensch­li­cher.

Die Welt der Or­ga­ni­sa­ti­on

Wenn es eine Ar­beits­welt gibt, die durch Künst­li­che In­tel­li­genz tat­säch­lich unter Druck geraten könnte, dann ist es die Welt der Or­ga­ni­sa­ti­on.

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Aus­ge­rech­net jene Ar­beits­welt, die lange als be­son­ders sicher galt, könnte deshalb zu den großen Ver­lie­rern der Au­to­ma­ti­sie­rung gehören. Zu­min­dest auf den ersten Blick. Denn hier beginnt ein in­ter­es­san­ter Denk­feh­ler. Viele Men­schen ver­wech­seln Or­ga­ni­sa­ti­on mit Ver­wal­tung. Beides ist nicht das­sel­be. Ver­wal­tung ver­a­r­bei­tet In­for­ma­ti­o­nen. Or­ga­ni­sa­ti­on trifft Ent­schei­dun­gen.

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Die Welt der Or­ga­ni­sa­ti­on wird deshalb ver­mut­lich nicht ver­schwin­den. Sie wird sich jedoch stärker ver­än­dern als viele andere Ar­beits­wel­ten. Zahl­rei­che Rou­ti­ne­tä­tig­kei­ten werden au­to­ma­ti­siert werden. Gleich­zei­tig ge­win­nen jene Auf­ga­ben an Be­deu­tung, die sich gerade nicht au­to­ma­ti­sie­ren lassen: Führung, Kon­flikt­lö­sung, Le­gi­ti­ma­ti­on, Ver­ant­wor­tung und die Fä­hig­keit, unter Un­si­cher­heit Ent­schei­dun­gen zu treffen.

Die Welt der Ideen

Die letzte Ar­beits­welt ist viel­leicht die selt­sams­te. Sie pro­du­ziert keine Autos. Sie baut keine Häuser. Sie re­pa­riert keine Ma­schi­nen. Und dennoch be­ein­flusst sie, wie Men­schen über all diese Dinge denken. Hier ar­bei­ten Wis­sen­schaft­le­rin­nen, So­zio­lo­gen, Me­di­en­ma­cher, De­si­g­ne­rin­nen, Kul­tu­r­a­r­bei­ter, Jour­na­lis­ten und viele andere, die Wissen, Be­deu­tung und Ori­en­tie­rung er­zeu­gen.

Lange galt dieser Bereich als un­si­cher. Teil­wei­se zu Recht. Viele klas­si­sche Me­di­en­mo­del­le stehen unter Druck. Künst­li­che In­tel­li­genz kann Texte schrei­ben, Bilder er­zeu­gen und Inhalte pro­du­zie­ren. Dennoch könnte die Be­deu­tung dieser Ar­beits­welt gerade steigen. Warum?

Weil In­for­ma­ti­o­nen im Zeit­al­ter der KI zur bil­ligs­ten Res­sour­ce über­haupt werden. Ori­en­tie­rung dagegen nicht. Je mehr Inhalte pro­du­ziert werden, desto wich­ti­ger werden Men­schen, die ein­ord­nen, er­klä­ren und be­wer­ten können. Die Ge­sell­schaft der Zukunft wird nicht unter In­for­ma­ti­ons­man­gel leiden. Sie wird unter Ori­en­tie­rungs­man­gel leiden. Genau hier liegt die Rolle von Geistes-, Kultur- und So­zi­al­wis­sen­schaf­ten.

Ver­wal­tung ver­a­r­bei­tet In­for­ma­ti­o­nen. Or­ga­ni­sa­ti­on trifft Ent­schei­dun­gen.

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Am Ende zeigt der Blick auf die fünf Ar­beits­wel­ten etwas Über­ra­schen­des. Die Zukunft gehört weder allein den Tech­ni­kern noch den Kre­a­ti­ven, weder den Hand­wer­kern noch den Aka­de­mi­kern. Sie gehört Men­schen, die Pro­ble­me lösen können. Mal mit den Händen. Mal mit Daten. Mal mit Be­zie­hun­gen. Mal mit Or­ga­ni­sa­ti­on.

Und manch­mal einfach mit einer guten Idee.

Aus: Stuhr, Mathias (2026): Arbeit in der Beziehungskrise. Über Leidenschaft in digitalen Zeiten. Baden-Baden: Nomos, Kapitel V.4, S. 117–123. Gekürzt, Auslassungen sind mit […] markiert.

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